Kinderbücher zum Selbstlesen
Ein echtes Lieblingsbuch, vorgestellt von einer Berliner Kollegin, die mir aus dem Herzen spricht!
Erstlesebücher sollten so sein, genauso wie „Mein glückliches Leben“. Ein richtiges Buch, schön gebunden, dick genug, ein fröhliches Cover und innen so luftig und leicht, dass kein Leseanfänger sich überfordert fühlt. Weil das Buch schwarz-weiß illustriert ist, gibt es so viel Helligkeit; das Buch atmet Licht und Luft. Das ist ein ganz wichtiger Eindruck, der ein Kind ermutigt, in diesem Buch zu blättern und sich fest zu lesen.
Der Titel verspricht eine fröhliche und positive Geschichte und erzählt von der sechsjährigen Dunne, die seit ein paar Monaten ins erste Schuljahr geht. Sie hat die Gewohnheit abends, wenn sie nicht gleich einschlafen kann, alle Momente ihres Lebens aufzuzählen, in denen sie glücklich war. Das sind viele. Blättert man aber durch das Buch, dann findet man neben den fröhlichen Glücksbildern ganz auffallend viele Unglücks-Bilder und das ist erstaunlich. Was geschieht hier? Ein kleines Mädchen bilanziert sein Leben nach Glücksmomenten: der erste Schwimmzug, der neue Schulranzen, ein geschenkter Frosch. Erzählt wird uns aber, was zwischen diesen Glücksmomenten geschieht. Dunne hat Angst vor der Schule. Dunne fühlt sich einsam. Doch dann findet Dunne in der Schule Ella-Frida, die zu ihrer besten Freundin wird.
Die folgende Zeit ist eine reine Glückszeit mit vielen Momenten des Glücks. Doch dann stellt sich heraus, dass Ella-Frida mit ihren Eltern wegzieht, die Freundinnen werden getrennt. Und das ist für Dunne einfach nur ein Unglück. Alles geht schief, alle Lebensfreude verschwindet. Es ist die Abwesenheit von Glück. Ein paar kleine positive Momente finden sich noch, aber das ist kaum vergleichbar mit dem verlorenen Glück. Doch immer noch hat Dunne diesen Blick auf ihr Leben, als einer glücklichen Kette von Ereignissen und Momenten. Unter der Überschrift „Mein glückliches Leben“ fängt Dunne an, in ihrem Geschichtenheft von sich selbst zu berichten. Wir erfahren hier, was Dunne selbst kaum noch weiß und nur noch durch ein paar Fotos kennt: Dunne hatte eine liebevolle Mama. Doch sie wurde krank, musste Dunne verlassen, um ins Krankenhaus zu gehen und Dunne blieb bei Mamas Eltern bis Mama starb. Seitdem lebt sie allein mit ihrem Papa und ihrer Katze. Dunne hat aber auch noch Großeltern in Italien und jeden zweiten Sommer fliegen Papa und Dunne nach Italien, um die italienischen Großeltern zu besuchen. Auch in Italien gibt es viele Glückmomente und die liebevolle Anrede „amore“. Das sagt auch ihr Vater oft zu ihr. Was für ein Glück, dass sie einen so lieben Papa hat.
Doch dann erlebt Dunne den allergrößten Glücksmoment. Ihre Freundin Ella-Frida schreibt ihr einen Brief, ganz kurz und knapp. „Ich kann ohne dich nicht leben.“ Mit diesem Bekenntnis wird der Schmerz der Trennung plötzlich greifbar und überwindbar. Vernünftig und weitblickend und voller Gewissheit kann Dunne ihrer Freundin eine Lebensplanung für ihr gemeinsames zukünftiges Leben vorschlagen und sie nimmt dabei große Wartezeiten in Kauf. Doch so lange muss Dunne gar nicht warten. Sie ist eingeladen, schon die bevorstehenden Osterferien bei ihrer Freundin zu verbringen. Sie wird mit ihrem Vater dorthin fahren. Vor Freude kann Dunne wieder einmal nicht einschlafen.
Ich habe selten eine so einfühlsame, so echte und gleichzeitig so tiefgründige Alltagsgeschichte über ein sechsjähriges Kind gelesen. Zweifellos verbindet sich hier ein exzellenter Text mit atmosphärisch ganz genau darauf abgestimmten Illustrationen. Nur so gelingt es, den Widerspruch zwischen Glück und Unglück in einer ständige Balance zu halten. Und dies ist das Spannende und auch für Kinder Ansprechende an diesem Buch, das eine ganz tiefe Lebensweisheit auf einfachste, kindgerechte Weise vermittelt. Unser Leben birgt beides, Moment des Glücks, aber auch Situationen und Ereignisse, die uns sehr unglücklich machen. Wenn man, wie Dunne, die Glücksmomente zählt und sein Leben von einem Glückspunkt zum nächsten versteht, dann liegen die unglücklichen Momente in den Tälern dazwischen. Ihnen wird bei weitem nicht die Aufmerksamkeit zuteil wie den glücklichen Momenten.
Schwarz-weiß ist das Buch konzipiert – und das ist mit Sicherheit kein Zufall. Dies entspricht der größtmöglichen Spannung von Glück und Unglück. Glück nicht als Dauerzustand darzustellen, sondern als eine Reihe herausragender Momente, die immer wieder unterbrochen werden von der Abwesenheit des Glücks, das ist schon sehr lebensecht. Nur so ist es möglich eine Glücksgeschichte als spannende Geschichte zu schreiben und zu verstehen, denn nichts ist langweiliger als das pure Glück. Und glücklich ein Mensch, der es gelernt hat, das Glück seines Lebens so zu sehen und so zu genießen.
Diese Geschichte sollte jedes Kind, das gerade das Lesen erlernt hat, selbst lesen. Etwas Besseres können wir für unsere Kinder nicht tun, als ihnen dieses Buch in die Hand zu geben.
Lagercrantz, Rose (Text) / Eriksson, Eva (Illustrationen): Mein glückliches Leben, ab 6, 138 S., 2011, Moritz, € 11,95
Link: http://www.pisakids.de
geschrieben von Elisabeth Simon-Pätzold für PisaKids, auf der Homepage veröffentlicht am 30.11.2011 um 13:56 Uhr.
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